Nordkorea-Reise: Bizarres, Bedrückendes – und was mich wirklich überrascht hat

Off the beaten track, aber so richtig

Meine Reise nach Nordkorea liegt schon eine Weile zurück. Aber nachdem ich kürzlich in Südkorea war, lohnt sich vielleicht auch noch mal ein Rückblick auf diese vier bizarren Tage in Nordkorea im September 2011 – nur drei Monate vor dem Tod des Diktators Kim Jong Il.

Großflächiges Propagandaplakat mit zwei Porträts von Männern in dunklen Anzügen vor einer Stadtkulisse, darunter rote und weiße Blumenbeete.
Da hatte er nicht mehr lange zu leben: Kim Jong Il (rechts)

Die folgenden Anekdoten und Eindrücke sind somit kein aktueller Reisebericht – aber wenn man die sehr empfehlenswerte Doku in der ZDF-Mediathek „Nordkorea – die Macht der Kim-Dynastie“ anschaut, haben sich nur Kleinigkeiten verändert.

Angeblich ist Nordkorea jetzt etwas moderner. So gibt es inzwischen vier statt einem TV-Sender, private Autos (die sich natürlich kaum jemand leisten kann) und Handys (natürlich ohne Internet und Auslandsgespräche). An der allgegenwärtige Überwachung der Bevölkerung, der dauerhaften Beschallung mit Propaganda und den Arbeitslagern für alle, die dem Regime unangenehm sind, hat sich wohl nichts geändert. 

Flagge mit rotem Feld, blauem Rand und weißem Stern an Laternenmast vor Hochhäusern
Eine Reise ins Ungewisse

Ankunft in Nordkorea

Ich bin damals im Rahmen einer Gruppenreise nach Nordkorea gereist.

Die Anreise nach Pjöngjang erfolgte per Flug ab Peking / Beijing mit der nordkoreanischen Fluggesellschaft Air Koryo, die aktuell übrigens nur nach Peking und Wladiwostock fliegen darf. Alle anderen UN-Staaten halten sich an ein Lande- und Überflugverbot für die Airline. 

Passagierflugzeug mit rotem Streifen an Gate geparkt, Flughafenterminal und Vorfeld im Hintergrund
Spricht man bei Flugzeugen eigentlich auch von Seelenverkäufern?

Dass die Dinge in Nordkorea etwas bizarr sind, zeigte sich schon im Flugzeug: Es gab nicht die Industrie-genormten Rollwagen wie bei anderen Fluggesellschaften, sondern Servierwagen wie direkt aus Omas Wohnzimmer.

Der absolute Personenkult um die damals erst zwei Herrscher aus der Kim-Familie wurde gleich nach der Landung zum ersten Mal sichtbar: Das alte Flughafengebäude (zwei neue Terminals wurden 2015 bzw. 2016 eröffnet) schmückte ein riesiges Portrait von Kim Il Sung, gewissermaßen dem Gottvater Nordkoreas.

Smartphones bzw. Handys wurden dann direkt als erstes im nach Betreten des Flughafens eingesammelt und eingetütet. Die bekamen wir erst bei der Ausreise wieder zurück.

Großes Gebäude mit "Pyongyang"-Schriftzug und Portrait an der Fassade, dahinter blauer Himmel
Der erste Kim gleich am Flughafen

Ständige Überwachung: unsere „Tourguides“

Nach einer eigentlich ganz normalen Einreisekontrolle, wurden wir von unseren Tourguides empfangen, die uns in den nächsten Tagen nicht mehr von der Seite weichen sollten. Touristenführer, die Kontakt zu Ausländern haben – da sind sie natürlich keine durchschnittlichen Nordkoreaner, sondern sie wurden sorgfältig nach Regimetreue ausgewählt. Sie sollten und mussten Gewähr leisten, dass wir nur das zu sehen bekamen, was wir auch sehen sollten.  

Diese Aufpasser dabei zu haben, hatte auf die Reisegruppe eine ganz eigene Dynamik. Es entstand schnell eine Klassenfahrts-Atmosphäre, bei er wir immer wieder austesteten, was uns abseits des Geplanten erlaubt wird und wie die Guides auch auf nett formulierte, kritische Fragen zu Nordkorea reagieren.

Weißer und roter Reisebus mit koreanischen Schriftzeichen und englischer Aufschrift "International Travel Company" vor grünem Laubwald.
Die staatliche Travel Company überlässt nichts dem Zufall

Frei durch Pjöngjang spazieren: natürlich unmöglich

Das was man sonst in jedem Land der Welt macht, ist in Nordkorea nicht möglich. Wir konnten uns nicht frei bewegen, sodnern wurden immer zum nächsten Besichtigungsort gefahren.

Ein Spaziergang rund um das Hotel auf einer Insel im Fluss Taedong war möglich, auch der Besuch des sich drehenden Restaurants im obersten Stockwerk – mit einem tollen Blick auf das weitgehend dunkle Pjöngjang – war erlaubt, ansonsten standen wir unter einrr Art Hausarrest.

Fotos habe ich meist aus dem Bus heraus gemacht. Und das eher unauffällig, um dies von den Guides nicht sofort verboten zu bekommen.

Luftaufnahme eines breiten Flusses mit mehreren Brücken, Schiffen und einer Stadt mit Hochhäusern im Hintergrund bei Dämmerung.
Frei war in Nordkorea nur der Blick aus den Fenstern

Allgegenwärtige Propaganda

Propaganda ist immer und überall – verbreitet über Lautsprecher, auf Plakaten, auf Gemälden und Mosaiken an Wänden oder in den Vorträgen unserer Reiseführer oder der Guides in Museen. Außerdem begegneten uns Kim Il Sung und Kim Joong Il ständig auf gerahmten Fotos, die in jedem privaten Zuhause aufgehängt werden mussten, aber auch in der Öffentlichkeit allgegenwärtig sind.

Für westliche Augen und Ohren war die Propaganda so offensichtlich, dass ich mich ständig nicht nur gefragt habe: Glauben die das wirklich? (Spoiler: ja, das glauben die allermeisten wirklich – jahrzehntelange Indoktrination und fehlendes Wissen über das Ausland dürften Wirkung zeigen). Sondern auch: Glauben die wirklich, dass wir ihnen das glauben?

Die spontane Militärparade

Bis heute weiß ich nicht, ob die Militärparade, derer wir ansichtig wurden, zum täglichen Geschehen in Pjöngjang gehörte oder ob wir dort „rein zufällig“ zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren.

Wenn die Nordkoreaner unbedingt wollten, dass wir die Parade mit jeder Menge Militär auf Lastern und ein paar Raketen sehen – was war der Sinn des Ganzen?

Wurde uns etwas gezeigt, damit wir anderes übersehen? Diese Nordkorea-Reise bestand ständig aus solchen Mindgames.

Der verbotene fünfte Stock im Hotel

Ein Teil unserer Reisegruppe war dann doch zu neugierig. Uns war aufgefallen, dass ein Stockwerk im Hotel nicht mit dem Fahrstuhl angesteuert werden konnte – also haben sind wir über das Treppenhaus mal hingegangen und uns das angeschaut. 

Nächtliche Aufnahme eines modernen Hochhauses mit beleuchteten Fensterfront und goldenem Dach von unten fotografiert.
Schöner Wohnen in Pjöngjang

Viel gab es nicht zu sehen: Büroräume, Verwaltung und wie unzählige Propagandaplakate an den Wänden. Wir haben dann so getan, als hätten wir uns verlaufen und uns schnell wieder aus dem Staub gemacht. Ohne Folgen.

Der US-Amerikaner Otto Warmbrunn wurde etwa vier Jahre später (am 2. Januar 2016) bei der Ausreise festgenommen, weil er eines dieser Propagandaplakate gestohlen hatte. Er wurde in einem Schauprozess zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt und anderthalb Jahre später im Wachkoma (angeblich durch eine Lebensmittelvergiftung und ein Schlafmittel ausgelöst – eine Obduktion fand auf Wunsch der Eltern nie statt) in die USA ausgeflogen. Er starb wenige Tage später.

Leerer Flurbereich mit weißen Wänden, dunklem Boden und mehreren Türen in einem modernen Gebäude.
Ich war natürlich nicht so blöd, auf dem verbotenen Flur zu fotografieren

Propaganda-Schulkonzert

Aus irgendeinem Grund (wahrscheinlich um uns die Illusion eines fantastischen Schulsystems vorzugaukeln) hat man uns auch in eine Schule geschleppt, in deren Aula Kinder für uns ein kleines Musikkonzert gegeben haben.

Dabei saßen die musikzierenden Kinder auf der Bühne ziemlich im Dunkeln. Ich habe daher zur neben mir sitzenden Person aus unserer Reisegruppe auf englisch gesagt, dass die Kinder ja gar nichts von ihren Noten sehen können. Offenbar habe ich das nicht leise genug gesagt. Wenige Sekunden später stand nämlich ein Koreaner mittleren Aber vor uns auf, verschwand durch eine Tür neben der Bühne und wenige Augenblicke wurde die Bühne beleuchtet.

Es war also gut, dass wir ansonsten höllisch aufgepasst haben, was wir wo gesagt haben.

Das Fernsehprogramm

Zum Zeitpunkt meiner Reise gab es nur ein Fernsehprogramm, das natürlich ein reiner Propagandakanal war. Mangels koreanischer Sprachkenntnisse haben sich mir die Inhalte nicht erschlossen – über weite Strecken des Tages scheint da aber auch eh nur ein Testbild ausgestrahlt worden zu sein.

Arirang Festival

Im „Stadion 1. Mai„, das ein Fassungsvermögen von 115.000 Zuschauern (ursprünglich sogar 150.000) hat und somit das zweitgrößte Stadion der Welt ist, fanden das Arirang Festival statt.

Stadion bei Nacht mit geschwungener Architektur, beleuchtet von Flutlicht, Besucher auf Treppen
Das zweitgrößte Stadion der Welt als Propagandakulisse

Das ist eine wirklich beeindruckende (natürlich Propaganda-) Show mit Musik und etwa 40.000 Menschen auf der Gegentribüne, die auf Kommando Papptafeln hochhielten und so Bilder erschufen. Jeder Mensch ein Pixel, gewissermaßen.

Diese Massenchoreographie wurde ergänzt um riesige Tanz- und Gymnastikgruppen auf dem Rasen. So ganz kann man dabei nie ausblenden, dass es hauptsächlich Propagandamotive waren, die unter Ausnutzung und Zwang von Menschen vorgeführt wurden, aber faszinierend war es trotzdem.

Dargestellt wird die Geschichte Koreas und die angeblichen Fortschritte in Kultur, Bildung und Technik des nördlichen Landesteils.

Bei Youtube kann man sich ein Video der anderthalbstündigen Show aus dem Jahr 2012 anschauen. Es war das erste Arirang-Festival unter der Ägide von Kim Jong Un.

Es stimmt wirklich: weitgehend leere Straßen 

Für eine Stadt dieser Größe (ca. 3.000.000 Einwohner) hat Pjöngjang erstaunlich wenig Autoverkehr. Stattdessen sind auffällig viele Menschen in sehr einheitlich wirkender Kleidung zu Fuß oder auf Fahrrädern unterwegs.

Auch bei Überlandfahrten besteht nie Staugefahr. Kaum ein Auto oder Lastwagen ist auf den Landstraßen unterwegs, stattdessen wird da schon mal (als Strafe oder Beschäftigungsmaßnahme) der Seitenstreifen gefegt.

Von einer Station zur nächsten durften wir zu Sightseeing-Zwecken in Pjöngjang auch einmal die U-Bahn nehmen. Die war recht voll und bestand aus alte Waggons aus West-Berlin.

Lange hielt sich damals das Gerücht, dass die U-Bahn nur zwischen diesen zwei Stationen fahren würde. aber das stimmt nicht, später wurden für Touristen auch weitere Stationen zur Besichtigung freigegeben. Es dürfte vielmehr so sein, dass man uns den Anschein von Modernität vorspielen wollte (was nur so mäßig geklappt hat), aber nicht mehr als diese zwei Stationen so absichern wollte, dass nicht plötzlich unvorhergesehene Kontakte zu Einheimischen entstehen konnten.

Alles wirkt ein bisschen trostlos

Erst wenn Werbeschilder an Geschäften und im Straßenbild fehlen, merkt man, wie allgegenwärtig sie sind. Nordkorea hat (bzw. hatte 2011 als ich dort war) kaum Einkaufsmöglichkeiten. Für uns Touristen gab es nur im Hotel die Möglichkeit, (mit Devisen) in einem kleinen Shop etwas einzukaufen. Ein Schaufensterbummel war nicht möglich. Auch, weil es einfach an Schaufenstern fehlte.

Weißes Gebäude mit koreanischen Schriftzeichen, Wohnblock im Hintergrund, zwei Personen auf unbefestigtem Platz.
Laut Beschriftung ist das ein Ladengeschäft

Selbst Pjöngjang als Aushängeschild des Landes wirkt sehr farblos, Beton war das vorherrschende Baumaterial. So grau und deprimierend hatte ich mir Kommunismus immer vorgestellt. Während Kuba bei allen Einschränkungen noch karibisches Flair, gutes Wetter und koloniale Altstädte hat, muss Nordkorea mit dauerhaftem Trübsal vorlieb nehmen.

Alles hier schreit: Aber hier leben – nein, danke.

Der Alltag Nordkoreas wird hin und wieder sichtbar

Natürlich war die gesamte Reise von nordkoreanischer Seite so geplant, dass wir von der Armut und Rückständigkeit im Land möglichst nichts sehen. Aber so ganz ließ sich das natürlich nicht vermeiden.

Bei Fahrten mit dem Bus oder bei der Rückfahrt mit dem Zug nach China waren archaischer Ackerbau mit Ochse und Pflug sowie Pferdefuhrwerke nicht zu übersehen. An Bahnhöfen standen verrostete Züge, bei denen unklar blieb, ob sie nicht mehr abgeschleppt werden konnten oder tatsächlich noch im Einsatz waren.

Während in Pjöngjang Hochhäuser das Stadtbild dominierten, waren es auf dem Land mehrstöckige Mietshäuser, die so aussahen, als seien sie irgendwann schnell und mit billigstem Baumaterial hochgezogen worden. Farbanstriche gab es nie, die Häuser sahen immer aus, als hätten sie ihre beste Zeit schon lange hinter sich.

Außerdem waren unterwegs oft Wohnblöcke zu sehen, die nur halb vollendet waren. Offensichtlich ist da dem Regime schon vor Jahren das Geld ausgegangen und die Gebäude wurden dann unfreiwillig dem Verfall überlassen.

Bloß nichts Falsches aufnehmen 

Man sollte sich beim Fotografieren in Nordkorea immer bewusst sein, dass Kameras bei der Ausreise kontrolliert werden.

Wir mussten vor dem Grenzübertritt Richtung China im Zug alles auf die Tische legen, womit man Fotos oder Videos hätte aufnehmen bzw. speichern können: Kameras, Laptops, Tablets, Smartphones.

Ich hatte damals noch einen iPod nano, der Videos in VGA-Auflösung (640 x 480 Pixel) aufnehmen konnte. Zum Glück hatte ich nicht versucht, damit heimlich Videos aufzunehmen und aus außer Landes zu bringen – denn die Grenzbeamten waren wahre Virtuosen und kamen bei der Kontrolle auch mit den deutschen Menüs des Gerätes spielend leicht zurecht.

Alte türkisfarbene U-Bahn oder Straßenbahn mit roten Akzenten unter einer Betonbrücke geparkt.
Unser Zug sah zum Glück besser aus als das hier

Videos und Fotos wurden auf allen Geräten stichprobenartig durchgescrollt. Da kommt man schon ein wenig ins Schwitzen und fragt sich, ob man nicht doch irgendetwas fotografiert hat, was jetzt zum Problem werden könnte (oder dazu gemacht werden könnte).

Wie stressig die ständige Kontrolle im Land und die Ausreiseprozedur waren, haben wir dann wohl alle gespürt, als wir für einen kurzen Aufenthalt am ersten Bahnhof auf chinesischer Seite der Grenze hielten – China fühlte sich plötzlich wie grenzenlose Freiheit an.