Nummer 10 wird wohl nur mich begeistern

In Danzig (polnisch: Gdańsk) habe ich mich schon auf dem Weg vom Hauptbahnhof zu meinem Apartment in der Altstadt verliebt. Diese Stadt hat einfach alles: Schöne historische Bausubstanz und modernes Großstadtambiente.

Auch Danzig wurde im Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig zerstört. Allerdings unternahm man hier große Anstrengungen, die Altstadt wieder originalgetreu aufzubauen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Ich spreche hiermit eine absolute Besuchsempfehlung für Danzig aus.

Alle in Hektik – außer mir

10 Highlights in Danzig für einen 3-tägigen Besuch

Top 1:
Langer Markt
(Długi Targ) 

Der lange Markt

Im Prinzip ist der lange Markt weniger ein Marktplatz, sondern eher eine sehr breite Straße ohne Verkehr. Dadurch, dass der Wiederaufbau schon ein paar Jahrzehnte zurück liegt, wirkt der Długi Targ jetzt nicht so wie der Neumarkt in Dresden künstlich, sondern hat schon wieder eine eigene Patina.

Er ist gesäumt von Kaufmannshäusern und Palästen und war Teil des Königlichen Weges vom Wyzynna-Tor bis zum Grünen Tor am Hafen – die Strecke, die die polnischen Könige immer fuhren oder abritten, um sich dem Volk zu zeigen, wenn sie zufällig in der Gegend waren.

Heute sind es vor allem Touristen und Kleinkünstlern, die sich auf Langgasse und rund um den Neptunbrunnen tummeln.

Top 2:
Ulica Mariacka

Die schöne Ulica Mariacka

Die Ulica Mariacka ist eine vergleichsweise, dafür umso schönere Straße zwei Parallelstraßen weiter als der Lange Markt. Auch hier gibt es keine störenden Autos und mit ein bisschen Glück hat man auch nicht zu viele Touristen mit auf seinen Fotos, sondern nur die zahlreichen Bernsteinhändler, Restaurants und vor allem die zu den Häusern gehörenden steinernen Treppenaufgänge und kleine Terrassen.

Top 3:
Museum des Zweiten Weltkriegs
(Muzeum II Wojny Światowej) 

Das Museum des Zweiten Weltkriegs

Das erst 2017 eröffnete Museum des Zweiten Weltkriegs ist ein absolutes Muss in Danzig. Ich behaupte ja, in neuester Geschichte ganz fit zu sein, aber auch ich habe hier sehr viel Neues gelernt. Vor allem, den Zweiten Weltkrieg komplett aus polnischer Sicht zu sehen.

Die multimediale Ausstellung mit vielen unfassbaren Ausstellungstücken und Räumen – wie zum Beispiel einer nachgebauten Straße vor und nach dem Krieg – spannt chronologisch den Bogen vom Versailler Vertrag bis zum Eisernen Vorhang.

Für Polen war die zeit zwischen 1919 und 1939 zum ersten Mal wieder eine Phase, in der der Staat eigenständig und nicht zwischen den Großmächten Preußen, Österreich und Russland aufgeteilt war. Umso bitterer war es dann, durch den Krieg und den Hitler-Stalin-Pakt zunächst wieder geteilt und besetzt zu werden – wobei Polen, bezogen auf die Einwohnerzahl, übrigens die höchsten Opferzahlen aller Staaten im Zweiten Weltkrieg zu beklagen hatte.

Auch während des Terrors der Besetzungszeit (den polnischen Zwangsarbeitern in Deutschland und den Konzentrationslagern wird natürlich auch ein Teil der Ausstellung gewidmet) kämpften die Polen weiter: Mit einer Exilregierung und Soldaten auf Seiten der Westalliierten. Was folgte, wird hier als Verrat durch Großbritannien und die USA empfunden: Polen wurde dem Einflussbereich der Sowjetunion überlassen und „hinter dem Eisernen Vorhang zurückgelassen“, wie es in der Ausstellung heißt.

Ich habe über 3,5 Stunden in der Ausstellung verbracht – danach braucht man dann etwas frische Luft – ein Ausflug nach Sopot (Top 8) passt da ganz gut.

Eintritt: 23 Złoty
Öffnungszeiten: Di-So, 10-20 Uhr (Montag geschlossen)

Mehr Infos gibt es auf der offiziellen Website des Museums.

Top 4: 
Europäisches Solidarność-Zentrum
(Europejskie Centrum Solidarności)

Solidarność-Zentrum

Auch das der Gewerkschaft Solidarność, vor allem aber der Oppositionsbewegungen und der friedlichen Revolution in der Volksrepublik Polen gewidmete, Museum ist sehr modern und spannend. Hier habe ich kaum weniger Zeit verbracht als im Museum des Zweiten Weltkriegs – drei Stunden sollte man also auch hier für einen Besuch einplanen.

Während der Lonely Planet das Gebäude mit der Außenoptik verrosteter Stahlplatten, wie sie auch auf der Werft für den Schiffbau verwendet wurden, als „truly awful example of 21st-century architecture“ brandmarkt, hat es mir sehr gut gefallen.

Der Bezug zum geographischen Umfeld auf dem Gelände der ehemaligen Lenin-Werft wird auch in der Ausstellung immer wieder hergestellt. Immerhin startete hier nicht nur 1980 der Werftarbeiterstreik, der schließlich in Verhandlungen mit der kommunistischen Regierung und dem Recht, freie Gewerkschaften (und somit auch die Solidarność) zu gründen, mündete.  An gleicher Stelle wurde auch schon 1970 ein Streik blutig niedergeschlagen.

Dargestellt wird in der Ausstellung auch ausführlich die Rolle von Papst Johannes Paul II., seine zahlreichen Besuchen in seinem Heimatland Polen und seine offenen Unterstützung der Oppositionsbewegung. 

Großen Raum nimmt aber auch das kurz nach der Solidarność-Gründung verhängte Kriegsrecht und das Verbot der Gewerkschaft ein. Der europäische Aspekt des Ausstellung ist durch die Darstellung des Zusammenbruchs des Ostblocks in den einzelnen Ländern gegeben. Dabei sieht sich Polen, das als erstes Land freie Wahlen abhielt und den Solidarność-Vorsitzenden und Friedensnobelpreisträger Lech Wałęsa zum ersten Präsidenten der postkommunistischen Ära wählte, als Vorreiter und Wegbereiter.

Ein tolles Museum, das auch längst vergessene Kindheitserinnerungen – zum Beispiel an den Sonnenbrille-tragenden General Jaruzelski (General Jaruzelski – das ist auch so einer ohne Vornamen – wie Bahnchef Mehdorn) wiederbelebt und meine Wissen über die Geschichte Polens vertieft hat. Sehr empfehlenswert.

Eintritt: 25 Złoty
Öffnungszeiten: Di-So, 10-20 Uhr
 
Mehr Infos gibt es auf der offiziellen Website des Museums.

Top 5:
Tagesausflug zur Marienburg in Malbork 
(Zamek w Malborku)

Die Marienburg in Malbork

Die Marienburg in Malbork gilt als der größte Backsteinbau der Welt und ist so auch Teil des UNESCO-Welterbes. Es handelt sich hierbei um die Ordensburg des Deutschen Ordens aus dem 13. Jahrhundert, die nie eingenommen wurde. Irgendwann hat der Orden dann allerdings seine Söldner nicht mehr bezahlen können. Diese rebellierten und verkauften die Burg an den polnischen König. Daraufhin war die Marienburg von 1455 bis zur ersten polnischen Teilung 1772 Residenz der polnischen Könige.

Bei geführten Touren langweile ich mich immer sehr schnell, daher war ich froh, dass man hier (wie auch im Solidarność-Museum) einen Audioguide bekommt, mit dem man im eigenen Tempo durch die Burg wandern kann. Es ist gewissermaßen eine Schnitzeljagd (der Guide sagt einem immer an, durch welche Türen und Durchgänge man gehen muss), die drei bis fünf Stunden dauern kann.

Auch hier habe ich natürlich wieder etwas gelernt. Das Wort „Dansker“: Das ist Festungsturm als letzter Rückzugsort im Falle einer Eroberung der Burg. Der damals noch hölzerne Zugang wäre dann von innen angezündet worden. Auf dem Speicher lagerten Waffen und Lebensmittel für mehrere Monate. Ansonsten wurde der Turm als Abort genutzt – mit einer Fakalienfallhöhe von 17 Metern bis in den Burggraben.

Von Danzig aus kommt man mit der Regionalbahn gut bis Malbork. Es lässt sich also als Tagesausflug „erledigen“. Ich empfehle eine frühe Anreise, um gleich um 9 Uhr da zu sein. Später wird es sehr voll.

Ich habe mein gesamtes Gepäck mitgenommen (im Bahnhof gibt es Schließfächer) und bin von dort aus weiter Richtung Osten gefahren.

Eintritt: 47 Złoty (inkl. Audioguide)
Öffnungszeiten: Mo-So, 09:00-20:30 Uhr

Mehr Infos gibt es auf der offiziellen Website des Museums.

Top 6:
Spaziergang am Hafen 

Am Hafen

Zurück nach Danzig: Wenn man sich den Königlichen Weg und die Ulica Mariacka angeschaut hat, kommt man unweigerlich am Hafen an. Und Hafen finde ich ja immer super.

Und hier kann man auf der Innenstadtseite weitere Kaufmannshäuser und einen alten Kran bewundern – und über die moderne Zugbrücke (Öffnungszeiten und er Regel von halb bis zur vollen Stunde) auf die Spichrzów-Insel laufen. Hier wurde nicht der historische Baubestand  wiederhergestellt, sondern in den letzten Jahren viele Neubauten mit Hotels, Apartments und Restaurants geschaffen. Ein bisschen haben sich die Architekten von den mittelalterlichen Vorbildern inspirieren lassen. Das ist nicht immer hübsch, zeigt aber eine andere Facette von Danzig.

Top 7:
Marienkirche

Marienbasilika

Die Marienkirche oder auch Marienbasilika ist sehr groß und hat mich von Innen ziemlich gelangweilt. Altäre, Orgeln, Gemälde – das Übliche halt. Spannender ist der Kirchturm: Hier sieht man sehr gut, dass im Inneren nicht originalgetreu wieder aufgebaut wurde, sondern statt der Holz- und Backsteinkonstruktionen auch Metallstreben und Betondecken und -treppen eingezogen wurden. Der Ausblick von Turm  (nach über 400 Stufen) auf die Innenstadt und die Hafenanlagen ist grandios.

Schöner Blick auf die Altstadt

Top 8:
Sopot

Europas längste Seebrücke aus Holz

Sopot ist der Badeort vor den Türen Danzigs. Hin kommt man in einer knappen Viertelstunde mit der Regionalbahn. Dort trifft man dann – zumindest am Wochenende im Hochsommer – auf Horden von Badegästen.

Ganz okay ist der Leuchtturm und es gibt die mit 550 Metern längste Holzpier Europas. Dafür muss man dann auch gleich mal acht Złoty Eintritt zahlen. Dafür hat man dann einen guten Blick auf die ganzen Jetski- und Speedbootfahrer sowie die Stand-up-Paddler und Wasserraketen-Leute (keine Ahnung, wie die heißen – siehe Foto).

Zum Baden ist es allerdings zu eklig, finde ich; am Ufer steht eine grünliche Algenbrühe.

Top 9:
Riesenrad 

Das Riesenrad

Ich bin ja ein Fan von Riesenrädern. Insofern muss auch das Riesenrad auf der Spichrzów-Insel auf die Liste. Von dort hat man einen guten Blick auf die Hafenseite der Altstadt und kann sehen, wo Danzig noch ein paar Ruinen stehen hat und sich in den nächsten Jahren weiter ausbreiten kann.

Top 10:
Falowiec

Drittlängstes Wohngebäude Europas

Ungewöhnliche, gerne auch hässliche Alltagsarchitektur, fasziniert mich ja auch. Daher musste ich unbedingt auf dem Weg zurück von Sopot nach Danzig im Vorort Przymorze Halt machen und mir das mit 850 Metern das drittlängste Wohnhaus Europas anschauen (in Wien und Rom gibt es wohl noch längere Wohngebäude).

Und ja, es hat was. In den späten 60er Jahren wurden mehrere, wenn auch nicht ganz so lange, dieser wellenförmigen Wohnanlagen in Danzig gebaut, um den Wohnungsmangel zu beseitigen. In diesem Gebäude wohnten rund 6.000 Menschen auf elf Etagen. Jeder Hausabschnitt hat einen eigenen Eingang und die Zugänge zu den Wohnungen erfolgen nicht vom Treppenhaus, sondern über Laubengänge.

Das Faszinierende ist: Wenn man direkt davor steht, wirkt das Gebäude gar nicht mehr so groß, da dann immer nur ein Teil der Anlage zu sehen ist.

„Die Welle“ aus der Nähe

Essen & Trinken in Danzig

Manna 68
Ausgezeichnete vegetarische und vegane Gerichte. Besonders gut: Vegane Blumenkohl-Burritos.
Świętego Ducha 68, Danzig

Swojski Smak
Polnische Küche. Kartoffelpuffer mit Lachs waren sehr gut.
Jana Heweliusza 25, Danzig

Gyozilla
Kleine Auswahl japanischer Fast Food-Speisen.
Plac Dominikański 1/13, Danzig

Unterkunft in Danzig

Studio Apartment Heart Of Oldtown (*)
Kleines Apartment mit einer Schlafcouch, ja, mitten in der Altstadt. Super Lage. Mit Waschmaschine, was bei leichtem Gepäck ein absolutes Plus ist.
Świętego Ducha 109, Danzig

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