Im „Florenz des Südens“
Ich muss mich wohl gleich mal für das schlechte Wortspiel (über das ich trotzdem immer wieder kichern muss, sorry!) in der Headline entschuldigen. Aber Lecce ist nicht nur für mich untrennbar mit Barock-Architektur verbunden.
Die Stadt wird auch häufig als das „Florenz des Südens“ bezeichnet, aber das ist vermutlich eher auf das Wirken eines überambitionierten Stadtmarketing-Managers zurückzuführen.
Was unbestritten ist: Diese Stadt hat wunderschöne Kirchen und hatte ein Faible für den Barock-Stil. Die eine oder andere Kirchenfassade ist so drüber, das es schon wieder amüsant ist und man fast schon mit offenem Mund staunend davor steht und sich nicht an den verspielten Details sattsehen kann.
Darüber hinaus ist Lecce auch eine Stadt zum Wohlfühlen, sie ist an vielen Stellen einfach ein bisschen in die Jahre gekommen: Fassaden bröckeln vor sich hin, während das Leben vorbeizieht. Damit kann ich mich identifizieren.
Die Sehenswürdigkeiten in Lecce
Die Kirchen sind das absolute Highlight in Lecce. Mit einem Kombi-Ticket (9 Euro) kann man die folgenden vier Kirchen besichtigen.
Duomo di Lecce
Der heutige Dom hat einen Vorgängerbau aus dem Jahr 1114, der allerdings zugunsten der im Jahre 1689 fertiggestellten Kathedrale abgerissen wurde. Wie alle Kirchen in der Stadt wurde auch der Dom aus dem weichen sogenannten Lecceser Stein gebaut, da sich dieser besonders gut meißeln ließ. Dementsprechend ist hier die Fassade reich verziert und mit Heiligen und Säulen dekoriert.
Auf die Piazza del Duomo, an dem auch der Glockenturm, der bischöfliche Palast und das Diözesanmuseum stehen, führt nur eine Straße, so dass hier ein geschlossenes Gebäudeensemble richtig Eindruck macht.
Das Diözesanmuseum fand ich todlangweilig: Das ist nur etwas für Fans von Silberkelchen, Bischofsgewändern aus dem 19. Jahrhundert und Gemälden aus dem 17. Jahrhunderts.
Das Innere des Doms hingegen hat was. Das ist Barock pur: Silber, Gold, Gemälde und Verzierungen im Überfluss.
Chiesa San Matteo
Die Kirche aus dem Jahre 1700 gilt als das „Pantheon des Leccer Barock“. Was immer das auch heißen soll. Kleine optische Spielerei an der Fassade: Sie ist unten konvex und oben konkav, was dem Ganzen schon mal einen ungewöhnlichen Touch gibt.
Innen findet man dann die Statuen der Apostel auf Säulen zwischen den Seitenaltären. Insgesamt zehn (natürlich sehr barocke) Altäre mit gedrehten Säulen geben der Kirche eine große Kompaktheit.
Hinzu kommt ein prachtvoller, vergoldeter Hauptaltar. Auch dieser natürlich aus Lecceser Stein und fein verziert mit Säulen, Engelsfiguren und Blumenmotiven. Auch hier muss man wieder direkt davor stehen und die künstlerische Arbeit der Steinmetze bewundern.
Chiesa Santa Croce
Santa Croce ist meine absolute Lieblingskirche in Lecce. Sie wird auch als „absolutes Meisterwerk des Barock“ bezeichnet. Allein die Fassade kann man lange anschauen, um immer wieder neue Details zu entdecken.
An ihr sieht man auch den sich ändernden Geschmack: Der untere Teil ist aus dem 16. Jahrhundert im Renaissance-Stil und oben wurde es dann im 17. Jahrhundert barock-verspielt, unter anderem mit knienden Figuren, die eine Brüstung scheinbar auf ihren Schultern getragen, mit Greifen, Drachen und einer säugenden Wölfin.
Im Inneren ist die Barock-Gestaltung anders als in anderen Städten. Statt Stuck, Vergoldungen und buntem Marmor wurde hier ganz auf den hellen Lecceser Stein gesetzt.
Die unglaubliche Feinheit, mit der hier gedrehte Altarsäulen und Relieftafeln gearbeitet sind, ist beeindruckend. Im Audioguide wurden diese detailreichen Arbeiten mit Spitzengewebe oder Stickereien verglichen. Und das trifft es ziemlich genau.
Unglaublich sind auch die Reliquien, die in dieser Kirche liegen sollen. Ich hatte mich ja schon über die Reliquien im Veitsdom in Prag gewundert. Da kann Santa Croce mithalten.
Hier soll es unter anderem geben: Holz des Heiligen Kreuzes (klar, daher ja auch der Kirchenname!), die „Dornenkrone unseres Herrn“ (nicht schlecht, eine absolute Rarität!), ein Schienbein des Heiligen Andreas, Zähne des Heiligen Lukas und Finger des Heiligen Blasius. So weit, so gut.
Dann kommen die Reliquien, die klingen wie vom Schlachter: die Kehle des Heiligen Sylvester und der Nacken des Heiligen Christopherus. Danach wird es noch absurder: Haare von Maria Magdalena.
Ich versuche mir wirklich vorzustellen, wie die Kirchenoberen über die Jahrhunderte diese Reliquien gesammelt und ja wahrscheinlich gekauft haben. Und irgendwann stand dann jemand vor der Tür, der den Schleier der Jungfrau Maria anbot. Klar, haben sie da zugeschlagen. Zumal es auch noch „Milch der Jungfrau Maria“ dazugab.
Wäre das nicht der Zeitpunkt für eine kritische Nachfrage gewesen? Ein zögerndes und zaghaftes: Ach, Maria hat abgepumpt? Und die Milch danach aufbewahrt, bis der erwachsene Sohn gekreuzigt wird?
Wie auch immer. Die Kirche selbst jedenfalls ist eine Reise nach Lecce wert. Und das sage ich, der sonst kein großer Kirchenfan ist.
Chiesa di Santa Chiara
Der Bau dieser kleinen Kirche mit achteckigem Grundriss dauerte über 250 Jahre. Fertiggestellt wurde sie 1691. Auch hier gibt es im Inneren reich verzierte, ziselierte barocke Altäre.
Das Besondere ist allerdings die Decke, die aussieht wie aus Holz geschnitzt, aber von mehreren kleinen Handwerksbetrieben aus Pappmaché modelliert wurde.
Santa Chiara von innen Das ist Pappmaché
Das Pappmaché-Handwerk hatte in Lecce wohl eine große Tradition. Neben der Decke gibt es auch noch die Figur von San Biagio aus diesem Material. In der Innenstadt gibt es noch einen kleinen Handwerksbetrieb, der bei meinem Besuch leider geschlossen war, bei dem man aber zumindest durch die Fenster ein paar zu restaurierende Figuren sehen konnte.
Marienfiguren
Was man auch entdecken kann, wenn man durch die Lecce läuft: Über die Stadt verteilt findet man immer wieder außen an Häusern oder Kirchen kleine Schaufenster oder Altäre mit Marienfiguren.
Wenn ich von dieser Handwerks-Tradition nicht schon in Santa Chiara gehört hätte, wäre ich wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, dass es sich hierbei um Pappmaché-Figuren handeln könnte.
Maria aus Pappmaché II Maria aus Pappmaché III
Museo Faggiano
Dieses kleine Museum ist eher zufällig entstanden. Der Besitzer des Hauses in der Altstadt, Luciano Faggiano, wollte hier eigentlich ein Restaurant eröffnen.
Da das Haus aber ständig feucht war, haben er und seine Söhne den Boden aufgestemmt, um die Abwasserrohre auszutauschen. Dabei stießen sie auf Grundmauern und alte Zisternen. Aus dem Restaurant wurde nichts. Stattdessen begannen sieben Jahre andauernde archäologische Ausgrabungen in dem Gebäude, das über die Jahrhunderte von den Templern und später auch mal als Konvent von Franziskanernonnen genutzt wurde.
Heute kann man in dem Haus auf mehreren Etagen Funde und Spuren dieser Ausgrabungen sehen – vom 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung bis zu Weinflaschen aus den 1960er Jahren, die wohl hinter Wänden gefunden wurden.
Hier kann man eine 3D-Tour durch das Haus machen. Das Museum lohnt sich allein deshalb, weil man hier ein Gefühl dafür bekommt, welch reiche Geschichte viele Gebäude im Süden Italiens haben, die man ihnen von außen gar nicht ansieht.
Immer wieder sieht man
so hübsche Balkone…… an denen mitunter der
Zahn der Zeit nagt
Und was gibt es sonst noch in Lecce zu sehen?
So ganz nebenbei bietet Lecce auch noch ein kleines römisches Theater und ein Amphitheater, das unter einem der großen Plätze wieder fast vollständig freigelegt wurde.
Das römische Theater Das Amphitheater
Restaurants in Lecce
Il banco bottiglieria con cucina
Liebevoll eingerichtetes, kleines Restaurant. Sehr empfehlenswerte Gnocchi.
Via Umberto I 1, Lecce
Bar Moro
Kleine Restaurant-Bar mit ausgezeichneten Gerichten der „cucina povera“.
Via degli Ammirati 10, Lecce
Osteria 203
Kleine Portionen, aber lecker.
Viale Francesco Lo Re 39, Lecce
Es ist angerichtet Ciceri e Tria – ein typisches salentinisches Gericht
Unterkunft in Lecce
Wish Rooms (*)
Mehrere Zimmer in einem Altbau. Matratze viel zu weich, aber dafür sehr günstig.
Via Guglielmotto D’Otranto 15, Lecce